Akram Zaatari

Akram Zaatari


Leonie Pfennig über eine andere Geschichte der Fotografie – Akram Zaataris „Against Photography. Eine kommentierte Geschichte der ARAB IMAGE FOUNDATION“ bis 25.2. im K21, Düsseldorf

„Ich definiere meine Arbeit in erster Linie als Sammeltätigkeit“, sagt Akram Zaatari. Seine Ausstellung im K21 macht genau das zum Thema: Sie zeigt die Sammelleidenschaft des Künstlers, die sich besonders auf fotografische Konvolute konzentriert, aber auch die Besonderheiten von Sammlungen und die Ästhetik von Archiven im Allgemeinen. Zaatari schafft dabei eine überzeugende Balance aus forschendem Blick auf die Fotografie und einer humorvollen Wertschätzung dargestellter Personen und ihrer Geschichten.

Akram Zaatari, Photographer’s Imagination, 2017, basierend auf einer Fotografie des Schulhofs von Makassed von Chafiq el Soussi, 1950er Jahre, Pigment Inkjet Druck auf Hahnemühle Photo Rag, 100 x 150 cm, © Akram Zaatari, Courtesy the artist Foto:© Kunstsammlung NRW

Seit über zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Zaatari, 1966 in Saida, Libanon geboren, mit den Bedingungen von Archiven und der Zirkulation von Bildern, ob in Videos, Büchern oder multimedialen Installationen.
1997 gründete er zusammen mit den Fotografen Fouad Elkoury und Samer Mohdad die Arab Image Foundation (AIF) mit dem Ziel, ein Archiv fotografischer Sammlungen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und der arabischen Diaspora zu schaffen und sie vor Vergessen und Zerstörung zu bewahren. Ein Anliegen der AIF ist aber auch, das Archiv künstlerisch zu erforschen und nutzbar zu machen, und davon zeugt die Ausstellung in Düsseldorf, die maßgeblich vom MACBA in Barcelona und dem MMCA, Korea konzipiert wurde.
In 16 thematischen Bereichen lassen sich Zaataris unterschiedliche Annäherungen an das Archiv der AIF nachverfolgen – mal stehen einzelne Fotografenpersönlichkeiten, mal ganze Serien oder Motive im Mittelpunkt – und gleichzeitig lässt sich die Ausstellung wie eine Entstehungsgeschichte der Fotografie aus künstlerischer Sicht lesen.
Zaataris Arbeitsweise vereint die Neugier eines Archäologen, der seine Funde penibelst genau auf ihre Beschaffenheit und Herkunft hin untersucht, die Faszination eines Anthropologen an seinem Feld und die Akribie eines Archivars, ohne jedoch den Blick für das eher Banale, Leise, leicht zu Übersehende zu verlieren. So zeigt seine neue Serie „A Photographer’s Shadow“ (2017) den unbeabsichtigten Schatten, den der (Amateur-)Fotograf auf seien Motive wirft. Die Faustregel „Sonne im Rücken, Bild muss glücken“ kann genau das nämlich nicht verhindern. Zaatari fotografierte Bilder, auf denen Fotografen ihre Schatten hinterließen, erneut ab, und betont durch die Wahl des Bildausschnitts den Moment, indem der Schöpfer über seinen Schatten mit seinem Motiv verschmilzt und Teil davon wird.

Akram Zaatari Installationsansicht der Ausstellung im K21, © Akram Zaatari, courtesy the artist, Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

In der Serie „The Vehicle“ bediente sich Zaatari an Fotografien aus Familienalben aus den 50er Jahren, auf denen Menschen stolz vor Autos und anderen modernen Fahrzeugen posieren. In der Ausstellung zeigt er aber nicht nur das denkwürdige Motiv, sondern direkt daneben und in gleichberechtigter Größe auch die Rückseite der Fotografien: Die privaten Notizen der Familien, von denen die Abzüge stammen, aber auch die archivarischen Notizen der AIF sind genauso wichtig wie die Fotografien selbst.
Auch die titelgebende Arbeit „Against Photography“ behandelt die Fotografie mehr als Objekt, als historisches Zeugnis, als Zeitkapsel denn als Abbildung. Mittels 3D-Scan hat Zaatari die Oberfläche von beschädigten Gelatine-Negativen eingescannt und in Aluminiumplatten graviert, ein Verfahren, was normalerweise für archäologische Funde eingesetzt wird. Die Gravuren nutzte er dann als Druckplatten. Die so entstandenen abstrakten Drucke auf Papier zeigen keine erkennbaren Ereignisse, doch trotzdem tragen sie die Spuren ihrer Geschichte, ihrer Transportwege und in gewisser Weise auch die Narben der Zeit, des Gebrauchs und der politischen Umstände, die dazu führten, dass sie entweder zerstört oder beschädigt wurden. „Ich wiederhole immer, dass ich kein Archäologe bin, und die Funde, die ich ‚ergrabe‘, keine archäologischen Objekte im strengen Sinne sind. Doch sie haben etwas mit archäologischer Forschung zu tun“, sagt der Künstler.

Akram Zaatari, On Photography, Dispossession and Times of Struggle, 2017, Filmstill von: HD Video, Farbe, Sound, ’30, © Akram Zaatari, Courtesy the artist Foto:© Kunstsammlung NRW

Zeit nehmen sollte man sich in der Ausstellung für die vier Videoarbeiten. Besonders die Arbeit „Her + Him“ (2001–2012) ist ein anrührendes Zeitdokument und eine fast poetische Geschichte über den Wandel der Fotografie. Im Mittelpunkt der halbstündigen Arbeit steht der armenisch-ägyptische Fotograf Van Leo (1921–2002), der in den 50er Jahren ein Fotostudio in Kairo führte, in dem die Schönen und Reichen der Kairoer Bohème und Kunstszene sich von ihm ablichten ließen. Van Leo, der sein Studio 1998 aufgrund einer schweren Erkrankung schließen musste, erzählt im Film von seiner Arbeitsweise und vom sich wandelnden Medium: Über die Jahre wurde er Zeuge, wie die Kunst der Retusche und Handkoloration, des Ausleuchtens und Bildausschnitts – Van Leos Talent und Spezialität – nach und nach von der Farb- und Amateurfotografie abgelöst wurde, als sich Fotoapparate für den Privatgebrauch sich immer weiterverbreiteten. Zaatari verwebt den Film zu einer halb-dokumentarischen, halb-fiktionalen Geschichte, die das Filmporträt von Van Leo mit Aufnahmen der Ägypterin Nadia kombiniert. Nadia begann eines Tages bei einem Shooting in Van Leos Studio zu dessen Überraschung, sich zu entkleiden, und bestellte eine Serie von Aktfotos für ihren privaten Gebrauch. Eine dieser Aufnahmen aus dem Jahr 1957 fand der Erzähler des Films im Kleiderschrank seiner Mutter – es zeigte seine Großmutter. Dass das Ausstellen dieser Art von Bildern unter heutigen moralischen Vorstellungen in Ägypten undenkbar wären, spricht der Film zwar nicht direkt an, doch der kulturelle und politische Wandel Ägyptens seit den 50er Jahren ist ebenso Teil der Erzählung wie die Oral-History von Van Leo.

Akram Zaatari, Objects of Study / Studio Shehrazade – Reception Space, 2006, C-prints, 3-teilig, je je 110 x 200 cm, Installationsansicht im MACBA Barcelona 2017, Courtesy the artist and Thomas Dane Gallery, London, © Akram Zaatari Foto:© Kunstsammlung NRW

Wie unschätzbar der Wert eines einzelnen Fotos sein kann, zeigt das Video „On Photography, Disposession and Times of Struggle“ (2017), in dem verschiedene Personen anhand von Fotografien über Krieg, Vertreibung und Flucht erzählen. Gegenübergestellt werden den Interviews Aufnahmen aus der ganz alltäglichen, fast klinischen Arbeit der Archivare, die in blau behandschuhten Händen auf Leuchttischen Dias und Abzüge beschriften, sortieren und sezieren, als handelte es sich um Lebewesen im Labor.

Zaatari zollt den Geschichten, die in jedem beliebigen privaten Familienalbum stehen könnten, und doch so viel über die Zeit ihrer Entstehung verraten, ihren hochverdienten Respekt.

Artikelbild: Akram Zaatari, To Retouch, 2017, Pigment Inkjet Druck auf Hahnemühle Photo Rag, 100 x 150 cm, © Akram Zaatari, Courtesy the artist, Foto: © Kunstsammlung NRW



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